ERTA - TAGUNG 2017

Arrangieren Komponieren

Samstag, 23. September 2017

 

 

Tagungsbericht
von Alice Müller

Thema der diesjährigen ERTA-Tagung war „Arrangieren und Komponieren“.
Stücke so arrangieren, dass sie für ein Schülerensemble spielbar werden, neue Musik für oder mit Schüler/innen erfinden. Spannende Aufgaben, die viele Musiklehrkräfte an ihre Grenzen bringen können und viel Zeit und Energie brauchen.

Der erst 16 jährige Jakob Manz hat für die Tagung ein jazzig grooviges Blockflötenstück komponiert, den „Tiger Blues“. Das 5-stimmige Stück ist auf dem Blues-Schema aufgebaut und die Basslinie erinnert an Tigerschritte.
Nach einer kurzen Einführung ins Stück wurden die Tagungsteilnehmer zum Spielen aufgefordert. Fast alle haben aktiv mitgewirkt und so wurde der „Tiger Blues“ in grosser Besetzung unter Jakobs Leitung einstudiert.

 



Der Multi-Instrumentalist studiert als Jungstudent Jazz-Saxophon und fühlt sich in der jazzigen Welt sichtlich wohl. Am Klavier spielend erläuterte er uns das Stück, trug auf der Blockflöte einige Stellen virtuos vor und unterstützte uns bei der Einstudierung mit dem passenden Beat am Schlagzeug.
Die Einstudierung war lebendig, humorvoll und praxisbezogen mit einigen Übetricks, die im Unterrichtsalltag gerne vergessen gehen.
Der „Tiger-Blues“ enthält einen Improvisationsteil. Jakob Manz meint, improvisieren üben sei wie Vokabeln lernen, da einzelne Muster immer wieder wiederholt werden. Diese innere Vorstellungskraft sei unverzichtbar, was man sich im Kopf vorstellen könne, werde besser gespielt. Einige mutige Tagungsteilnehmer haben tolle Solos gespielt, danach wurde mit Vor- und Nachspielen durch alle Stimmen hindurch improvisiert. Beim abschliessenden Durchlauf hat dann Jakob selbst ein eindrückliches Solo präsentiert.
Mit dem „Tiger-Blues“ wurde uns ein sehr peppiges, nicht ganz einfaches Stück auf lebendige Art vorgestellt. Das Stück wird sicherlich bei fortgeschritteneren Schüler/innen, insbesondere im Teenageralter, auf Anklang stossen. Tiger-Film Mitspiel-mp3


Nach einem gemeinsamen Mittagessen ging es am Nachmittag mit zwei Vorträgen weiter.
Im ersten Referat berichtete Andras Nick von seiner Arbeit als Komponist und von seiner Kinderkompositionsklasse.
Zwei 15 jährige Schüler und ein erst 8 jähriges Mädchen aus seiner Klasse waren mitangereist und haben ihre Stücke präsentiert. Diese wurden dann direkt vor Ort von Tagungsteilnehmern vorgespielt und die jungen Komponist/innen konnten dazu ihre Meinungen und Eindrücke mitteilen.

 



Andreas Nick selber hat schon als 5 jähriger Junge angefangen zu komponieren und weiss somit, dass man kein Theoriewissen braucht um Stücke zu erfinden. Sein erstes Stück hat er tatsächlich für die Blockflöte komponiert und die Arbeit für und mit Blockflötisten/innen war bei ihm immer wieder Thema.
Diese Erfahrung, Musik zu schreiben ohne sie wirklich zu verstehen, sei sein Ausgangspunkt in seiner pädagogischen Tätigkeit. So gibt es viele Kinder, die auf ihrem Instrument improvisieren und nachträglich das Gespielte versuchen aufzuschreiben, oft in vereinfachter Notation. Ein kleiner Cellist hat seine erfunden Melodien sogar nur in Fingersätzen notiert.
Die kompositorischen Fähigkeiten und die Spielfertigkeit am Instrument entwickeln sich oft parallel.
Weiteres Thema im Referat war die Entwicklung des Komponierens im Zeitalter des Computers. Die direkte Hörerfahrung am Computer ermöglicht es, Fehler schneller zu bemerken und rascher zu komponieren. Bei der Arbeit mit seiner Klasse merkte Andreas Nick jedoch, dass Stücke, die am Instrument und auf Papier entwickelt wurden, oftmals eine sensiblere Hörkontrolle hinter sich hatten. Dennoch steht er der Entwicklung des Komponierens am Computer offen gegenüber, da es auch viele Kinder motiviert. Schüler die zuerst nur 2-3 Takte Musik pro Lektion aufschrieben, kamen plötzlich mit ganzen Partituren in den Unterricht, weil sie neu am Computer komponierten.
Sehr eindrücklich waren Adreas Nicks Erzählungen von Grossprojekten. Er war musikalischer Leiter bei „Fealan - Winterthur schreibt eine Oper“. Mehr als 800 Kinder waren da beschäftigt mit Geschichten schreiben, Bühnenbild malen, Kostüme nähen und natürlich Musik erfinden. In verschiedenen Schulklassen entstanden die Melodien für die Oper mittels Xylophonen, an denen die Töne angeschrieben waren und so in Buchstaben aufgeschrieben werden konnten. Auch der Rhythmus wurde stark vereinfacht und so entstanden schnell viele Melodien.
Ein weiteres grosses Projekt war ein Kompositionsauftrag für die Besetzung von sage und schreibe 250 Blockflöten im Stadthaus Zürich. Die entstandene Komposition kann nur exakt in diesen Räumlichkeiten aufgeführt werden, da die Blockflötenspieler in 23 Gruppen eingeteilt durch die Gänge wanderten oder in verschiedenen Räumen stationiert waren. Das Ganze wurde durch Sekundenangaben koordiniert. Das Klangerlebnis war somit einmalig.
Andreas Nick gab uns spannende Einblicke in seine Arbeit und zeigte eindrücklich, dass ohne Theorie-Vorwissen tolle Musik entstehen kann. Dies ist eine wunderbare Motivation an uns alle, mehr mit unseren Schüler/innen zu improvisieren und komponieren.

 



Raphael Meyer hat uns schliesslich Einblicke in seine Arbeit als Komponist gegeben und Hilfestellungen präsentiert. In einer tollen, sehr übersichtlichen Powerpoint-Präsentation konnte man seine Arrangements beim Entstehen mitverfolgen.
Unter dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“ lag der Schwerpunkt beim Arrangieren von Stücken, die eigentlich für eine andere Besetzung vorgesehen sind oder schlichtwegs zu schwierig sind und nun einem bestimmten Ensemble angepasst werden sollen.
Welche Flöte wird wie notiert? Geeignete Tonarten und eine gut leserliche Notation finden, Stimmen tauschen, Generalbass aussetzten. Um diese Grundlagen ging es im ersten Teil.
Der kreativere Teil beinhaltete dann komplette Neuinterpretationen. Zusätzliches Hinzufügen von Stimmen oder auch eine bekannte Melodie in einer neuen Stilrichtung präsentieren. Letzteres wurde dann live vorgezeigt. Das Lied „Weiss du wieviel Sternlein stehen“ wurde in eine swingige Version verwandelt. Die einzelnen Schritte wurden jeweils präsentiert und spielend von 4 Tagungsteilnehmern aufgeführt. So konnte man den ganzen Entstehungsweg dieser Neuinterpretation miterleben, mitverfolgen und sicherlich einige wertvolle Tipps mitnehmen.

Die gesamte Tagung fand in schöner und lebendiger Atmosphäre statt. Auch kulinarisch kamen die Teilnehmer dank Kuchenbuffet und auswärtigem Mittagessen nicht zu kurz.
Toll war, dass in jedem Referat auch aktiv mitgewirkt wurde und jede Präsentation abwechslungsreich und praxisbezogen war. Mit neuen Ideen und Mut zu Experimentierfreudigkeit ging so ein spannender Tag zu Ende.